Erste bekannte Portrait-Zeichnung von Joachim Raff entdeckt

Joachim Raff, 1850 porträtiert von Carl Dosnyai (Bleistiftzeichnung). Copyright by Joachim-Raff-Gesellschaft Lachen SZ.

Eine seltene Anschaffung konnte dieser Tage das Raff-Archiv in Lachen tätigen. Dank guter Beziehungen konnte im Auktionshaus Bassenge in Berlin ein Buch von 1850 mit acht Original-Bleistiftzeichnungen des ungarischen Malers und Bildhauers Carl Dosnyai, der von 1848-1850 in Weimar lebte, erworben werden. Unter den Porträtierten befindet sich auch Joachim Raff. Die Zeichnung gilt als bisher erstes bekanntes Porträt des damals 28jährigen Lachner Komponisten.

Franz Liszt, der langjährige Mentor von Raff war bekannt für seine Grosszügigkeit bezüglich Förderung junger Künstler. Aus Dankbarkeit widmete Dosnyai «Seinem edlen Wohltäter Herrn Doctor Franz Liszt» diese Porträtzeichnungen. Alle acht ganzseitigen Darstellungen zeigen wichtige Künstler des Weimarer Hoftheaters und der Hofkapelle. Gleichzeitig waren sie gute Bekannte von Franz Liszt, der damals die Künstlerkolonie der «Neu-Weimaraner» anführte.

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Ein «französisches» Werk? Joachim Raffs drittes Klaviertrio op. 155

Titelblatt des sich im Joachim-Raff-Archiv befindlichen Erstdrucks. 

Am Samstag, dem 30.03.2019, feiert die Joachim-Raff-Gesellschaft den 200. Geburtstag von Clara Schumann, die von Raff als Klavierlehrerin an das Hoch’sche Konservatorium berufen wurde. Im Festvortrag wird Frau Dr. Annegret Rosenmüller, die bei der Schumann-Briefausgabe arbeitet, das Verhältnis zwischen Raff und der berühmten Pianistin und Komponistin erläutern. Beim anschliessenden Konzert kommt neben Clara Schumanns Klaviertrio auch der dritte von Raffs Beiträgen zu dieser Gattung zu Gehör. Wem die Informationen des Programms nicht genügen, findet an dieser Stelle eine ausführlichere Fassung zur Entstehungsgeschichte und zu den Charakteristika dieses faszinierenden Werks:

Nach dem Erfolg seiner Sinfonie Nr. 3 op. 153 mit der Überschrift «Im Walde», die Joachim Raff zum meistgespielten Sinfoniker der Zeit machte, waren seine Werke heiss umworben. Die erhaltenen Briefe Raffs an den Verlag Bote & Bock (Staatsbibliothek Berlin) erlauben einen wichtigen Einblick in seine Arbeitsweise, in seine Geschäftsbeziehungen und das Seilziehen der Verleger um seine Kompositionen. Auf eine nicht erhaltene Anfrage des Berliner Verlags Bote & Bock, der zu diesem Zeitpunkt bereits an der Herausgabe von Raffs Oper «Dame Kobold» op. 154 arbeitete, bietet Raff am 5. Juli 1870 dem Empfänger statt des gewünschten dritten Trios [op. 155] ein viertes [op. 158] an, an dem er gerade sitze. Denn Raff hatte dem Leipziger Verleger Robert Seitz, der kurz zuvor sein Geschäft in Leipzig eröffnet hatte, versprochen, ihm ein grösseres Werk zu überlassen. Eine strategische Entscheidung: Weil Seitz auch die Leipziger Geschäfte der Verlage Rieter-Biedermann (Winterthur) und Jacques Maho (Paris) besorgte, wollte Raff diese Beziehung nicht gefährden und die Wünsche dieses Verlegers erfüllen. Da Seitz dieses Werk bis im September gedruckt haben wollte, konnte nur das bereits vollendete dritte Trio in Frage kommen.

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300 Jahre «first in music», auch für Joachim Raff

Nicht vielen Firmen und Institutionen ist es vergönnt, nicht nur 300 Jahre lang zu existieren, sondern auch während einer so langen Zeit «first» in ihrem Metier zu sein. Dass der Name «Joachim Raff» in diesem Jubiläumsjahr beim Verlag Breitkopf & Härtel oft fällt, freut uns ausserordentlich.  

Res Marty, Yvonne Götte, Severin Kolb (v. l. n. r.) am Festkonzert von Breitkopf & Härtel 26.1.2019, copyright: Christian Kern

«First in music» – diese Rolle nahm der traditionsreiche Verlag auch in Joachim Raffs Leben ein. Am 20. November 1843 erhielt Breitkopf & Härtel folgende Zeilen von keinem Geringeren als Felix Mendelssohn Bartholdy, einem der erfolgreichsten Komponisten seiner Generation: «Beiliegenden Brief und beiliegende Compositionen habe ich empfangen und kann nicht umhin Ihnen beides vorzulegen und Sie zu fragen, ob Sie nicht etwas von den Sachen brauchen und so den Wunsch des Componisten und den meinigen erfüllen könnten? Stünde auf dem Titel der Sachen ein recht berühmter Name so bin ich überzeugt Sie würden ein gutes Geschäft damit machen, denn aus dem Inhalt würde gewiss keiner merken dass manches dieser Stücke nicht von Liszt, Döhler oder einem ähnlichen Virtuosen wäre. Alles ist durchaus elegant, fehlerlos, und in modernster Weise geschrieben; aber nun kennt niemand den Namen des Componisten und da ist freilich die ganze Lage der Dinge anders.» Auf den besagten Werken prangte der Name eines 21-jährigen Schulmeisters aus Lachen am Oberen Zürichsee: «Joachim Raff».

Mendelssohn stiess auf Seiten des Verlags, der in der Folge Raffs opp. 2-14 in den Stich gab, trotz der Bedenken wegen des unbekannten Namens nicht auf taube Ohren (Opus 1 erschien bei Johann André in Offenbach auf Vermittlung des mit Raff befreundeten Sängers Anton Curti). Leider machte Breitkopf & Härtel, wie Mendelssohn bereits befürchtete, in der Folge tatsächlich kein sonderlich «gutes Geschäft» mit Raffs Werken, da sich diese nur schleppend verkauften. Auf folgende Anfragen Raffs bezüglich der Publikation von weiteren Werken konnte der Verlag nicht eingehen.

Als der im Laufe der 1860er und 1870er Jahren zu den meistgespielten Komponisten seiner Zeit avancierte Raff 1875 einen Beitrag für das von Friedrich Müller von der Werra herausgegebene und von Breitkopf & Härtel publizierte «Allgemeine Commersbuch» beisteuerte, nahm der Verlag den Kontakt wieder auf: «Wir mögen diese Veranlassung [die Zusendung eines Belegexemplars] nicht vorüber gehen lassen, ohne Ihnen auszusprechen, dass es uns aufrichtig Leid ist seit so langer Zeit kein Werk von Ihnen verlegt zu haben. Wir hatten ja die Ehre Ihre ersten Werke hinauszuschicken, diese Werke haben sich damals nicht die Bahn gebrochen und auch jetzt, wo viele Ihrer Compositionen freundlich aufgenommen worden sind, ist keine Nachfrage nach jenen ersten Werken entstanden. Das Verlegen von Erstlingswerken pflegt gemeiniglich für ein späteres gutes Verhältnis nicht günstig zu wirken, und wir haben als Inhaber einer alten umfänglichen Verlagshandlung, an die man sich leicht zuerst meldet, vielfach darunter zu leiden.» (Brief an Raff vom 5.4.1875, BSB, Raffiana VIII). Über den französischen Verleger Jacques Maho erfuhr der Verlag, dass Raff seine zuvor bei Breitkopf & Härtel erschienen Jugendwerke überarbeiten wollte. In der Folge erschienen Neufassungen von den opp. 2-6, 9-10, 12, sowie 14, die Raff weitgehend neu komponierte. Auf den Wunsch des Verlages, deutsche Überschriften zu verwenden, ging Raff nicht ein, um die Verwurzelung dieser Salonstücke im französischen Stil nicht zu verschleiern.

Raff-Editionen bei Breitkopf & Härtel – damals und heute. 

Mit der Konzertante «Die Tageszeiten» op. 209, dem Liedzyklus «Blondel de Nesle» op. 211 (beide auf Texte von Raffs Tochter Helene) und dem Oratorium «Welt-Ende – Gericht – Neue Welt» op. 212 erschienen jedoch auch mehrere von Raffs späten Schlüsselwerken bei Breitkopf & Härtel. Auf die Ankündigung Raffs, dass er an einem Oratorium arbeite, reagierte der Verlag beispielsweise mit grossem Interesse: «Mit Spannung sehen wir dem Oratorium entgegen. Es ist das ein hoch bedeutendes Werk von dem Sie da uns die erste Mittheilung machen. Weltende; Gericht; Neue Welt, das sind so ungefähr die grossartigsten Themen, die sich ein Componist vorsetzen kann, und es muss deshalb unser herzlicher Wunsch sein, unseren Namen mit dem Ihren bei diesem Werk zu verbinden» (Brief an Raff  vom 28.04.1881, BSB Raffiana VIII) – was dann auch geschah. Wenige Monate nach der Uraufführung des Oratoriums verstarb Joachim Raff am 24. Juni 1882 im Alter von sechzig Jahren unerwartet. Breitkopf & Härtel scheint auf bestem Weg gewesen zu sein, neben C. F. W. Siegel Raffs neuer Hauptverleger zu werden.

Es freut uns daher sehr, dass sich Breitkopf & Härtel Raff wieder zuwendet und eine grössere Reihe seiner Werke in «Urtext»-Ausgaben auf den Markt bringt. Im Verlagsleiter und geschäftsführenden Gesellschafter Nick Pfefferkorn fand man einen Raff-Freund. Bereits am 13. Februar 2018 fand ein erstes Treffen mit ihm in Zürich statt, wo die Grundsteine zu einer engen Kooperation gelegt wurden. Im September letzten  Jahres referierte Nick Pfefferkorn an der Tagung zur Eröffnung des Joachim-Raff-Archivs; der Tagungsband wird die bei Breitkopf & Härtel erscheinende Schriftenreihe des Archivs eröffnen.

Mittlerweile ist der von Prof. Dr. Ulrich Mahlert (Berlin) herausgegebene erste Band der neuen Raff-Edition – pünktlich zum Beginn des Jubiläumsjahrs – erschienen, der die beiden schon damals von Breitkopf & Härtel herausgegebenen Versionen der Sonate op. 14 sowie die «Fantasie-Sonate» op. 168, die Raff kurz nach Ende des Deutsch-Französischen Krieg Camille Saint-Saëns gewidmet hat, enthält. Die ersten beiden Streichquartette Raffs, herausgegeben von Stefan König und Severin Kolb, folgen bald. Sie eröffnen eine grössere Reihe an kammermusikalischen Werken Raffs.

Am wundervollen Jubiläumskonzert im Wiesbadner Casino am 26. Januar, zu dem eine Delegation der JRG (siehe obiges Bild) eingeladen wurde, standen nebst einer Uraufführung von Christian Mason mehrere Verkaufsschlager des Verlags aus dem 19. und 20. Jahrhundert auf dem Programm, darunter auch Mendelssohns Violinkonzert. Klar erkennbar stand dieses überaus einflussreiche Konzert von Raffs «Wohltäter» Pate für dessen eigenes Cellokonzert Nr. 1 op. 193 in d-Moll.

Bei einem Besuch beim Verlag zu Beginn des Monats März wurde die Zusammenarbeit konkretisiert, gerade auch in Hinblick auf das Jubiläumsjahr 2022 – man kann gespannt sein! Wir gratulieren dem Verlag ganz herzlich zum Jubiläum, freuen uns sehr auf die weitere Zusammenarbeit und hoffen ebenso wie damals Mendelssohn, dass Raff dem Verlag nun endlich ein «gutes Geschäft» ermöglicht!

See Siang Wong zu Besuch in Lachen

Wieder prominenter Besuch im Joachim-Raff-Archiv beim Aushecken von Raff-Plänen. Der Pianist See Siang Wong, der zahlreiche CDs für namhafte Labels eingespielt hat, an der Zürcher Hochschule der Künste lehrt und sich auch einen Namen als Koch gemacht hat, spielt prima vista Raff-Stücke auf unserem Fortepiano. Wir freuen uns sehr auf die weitere Zusammenarbeit!

Neue Raff-Ausgaben bei Edition Nordstern!

Von den vier Orchesterwerken zu Schauspielen William Shakespeares, die Joachim Raff 1879 in Frankfurt anfertigte, erschienen im 19. Jahrhundert nur deren zwei. Hans von Bülows Vermittlungsversuche bei Johannes Brahms, der sich wunderte, wie jemand so schnell und scheinbar ohne Skrupel Ouvertüren zu diesen vier grossen Werken der Weltliteratur schreiben konnte, blieben nach Raffs frühzeitigem Tod folgenlos. Zwar erschienen wohl auf die Veranlassung von Raffs Schüler Edward MacDowell zwei der vier Ouvertüren 1891 beim amerikanischen Verlag Arthur P. Schmidt unter dem Titel „Vier Shakespeare Ouvertüren für grosses Orchester“. Jene zu „Othello“ und zu „Der Sturm“ blieben zunächst unveröffentlicht. Doch der Stuttgarter Verlag Edition Nordstern gab letztere bereits 2006 nach dem Manuskript in der Berliner Staatsbibliothek erstmals heraus, nun lässt der Verlag „Othello“ folgen.

Musterseite aus der „Othello“-Edition

In diesen programmatisch durchdachten Werken zeichnet Raff mit musikalischen Mitteln die Handlung mehr als nur in nuce nach. Nur schon der ungewöhnliche Tonartenplan dieses Stückes, das sich von D-Dur ins tragische d-Moll wendet, ist der Handlung des Dramas geschuldet. Wie für einen Sonatensatz üblich, stellt Raff dem knappen, harmonisch relativ instabilen Hauptsatz mit deutlich exponiertem Tritonusintervall einen lyrischen zweiten Themenbereich (B-Dur) gegenüber, der wohl Desdemona zugeordnet ist. In der ausführlichen Durchführung setzt sich ein neues, punktiertes Thema (zunächst b-Moll) immer stärker durch, das Jason oder den von ihm gesäten Zweifel symbolisieren dürfte. Am Ende der knappen Reprise tötet der Titelheld seine Braut. In der Coda führt Raff die drei Themen kontrapunktisch in d-Moll zusammen. Die Ouvertüre liegt in mehreren Einspielungen vor.

Musterseite aus der Edition von op. 186

Raffs „Zwei Gesänge“ op. 186 umfasst zwei gegensätzlich angelegte Chorstücke, die er 1873 schrieb und im folgenden Jahr bei C. F. W. Siegel mit integrierter englischer Übersetzung veröffentlichen liess. Das „Morgenlied“ auf einen Text des Dichters Johann Georg Jacobi, den bereits Franz Schubert und Raffs grosses Vorbild Felix Mendelssohn Bartholdy vertont hatten, ist eine idyllische, weitgehend homophon gehaltene Naturbetrachtung in lichtem G-Dur. Für das zweite Stück, „Einer Entschlafenen“ betitelt, verfasste Raff den Text eigenhändig, zeichnet ihn aber unter dem Pseudonym Arnold Börner. Das düstere f-Moll des Anfangs löst sich nach dem dramatisch vertonten Einwurf „Geliebte Seele, hinaus! Hinaus!“ in verklärtes F-Dur auf. Die beiden Stücke konnten bereits 2009 für das Label Sterling eingespielt werden, nun erscheint auch diese Partitur mit einem Vorwort von Avrohom Leichtling.

Weitere Informationen finden Sie auf: www.edno.de

Demnächst erscheinen weitere Raff-Ausgaben, auf die wir uns sehr freuen. Wir halten Sie auf dem Laufenden!