Auf den Spuren eines «denkenden Musikers»: Ein Joachim-Raff-Archiv für Lachen (SZ)

Wie kaum ein anderer Komponist, der auf Schweizer Boden geboren wurde, konnte Joachim Raff (1822–1882) zu Lebzeiten internationale Erfolge feiern und sich zu den meistgespielten Komponisten im deutschen Kulturkreis zählen. Nach seinem Tod geriet sein umfangreiches Oeuvre aber allmählich in Vergessenheit und wurde in der Musikgeschichtsschreibung zur Fussnote degradiert. Doch die Erforschung seiner Biographie und seiner Werke können einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts leisten. Mit der Gründung eines Joachim-Raff-Archivs will die Joachim-Raff-Gesellschaft Quellen zu seinem Wirken aufbereiten und der Forschung zugänglich machen. „Auf den Spuren eines «denkenden Musikers»: Ein Joachim-Raff-Archiv für Lachen (SZ)“ weiterlesen

Werk des Monats: Raffs Klavierquartett c-Moll op. 202,2

Mit den beiden 1876 komponierten, durchaus gewichtigen Klavierquartetten, die er als ein Kontrastpaar unter der Opuszahl 202 veröffentlichte, zeichnet Joachim Raff ein Janusgesicht: Im ersten in G-Dur herrschen unbeschwertere, eher leichte Tonfälle vor, das zweite in c-Moll gehört hingegen zu seinen leidenschaftlichsten Stücken.

Raffs Quartett ist anders als andere Gattungsbeiträge nicht konzertant als Dialog zwischen Klavier und Streichergruppe angelegt. Vielmehr fusst es auf dichtem Klavierklang, der fast durchgehend präsent ist. Der erste Satz, nach Timon Altwegg ein «pianistisch wahr gewordener Albtraum», gewinnt auf diese Weise einen dichten, drängenden, unruhigen Charakter. Die Tonart c-Moll und die Anlage der Sätze verweisen auf das Prinzip «per aspera ad astra», das wie in Beethovens fünfter Symphonie durch das Dunkle ins Licht führt. Das Hauptthema beginnt dramatisch in den untersten Register des Klaviers und schraubt sich bei wachsender Intensität mehr und mehr in die Höhe. Der kontrastierend angelegte Seitensatz in der Durparallele fällt gewissermassen in ein Vakuum, das Raff aber eher mit klagenden als hoffnungsvollen Klängen füllt, die sich auch in der Reprise in C-Dur-Gestalt nicht bleibend etablieren können. Auch das darauf folgende Scherzo ist von drängendem Charakter, wobei es im Mittelteil des Scherzos und im Trio auch lyrische bzw. hymnische Qualitäten entwickelt. Das Hauptthema des langsamen Satzes, der wie jener des Mozart-Quartetts in As-Dur mit harmonisch avancierten Passagen steht, kontrastiert mit einem aufgewühlten Mittelteil in gis-Moll. Wie das Finale von Beethovens Neunter Symphonie beginnt dasjenige von Raffs Quartett mit einem Rezitativ, das sinngemäss «O Freunde, nicht diese Töne» anzustimmen scheint, denn nun folgen «angenehmere»: nämlich spielerisches, lebhaftes C-Dur (wenn auch mit harmonischen Ausbrüchen), das durch einen sehnsuchtsvollen Seitensatz einen Gegenpol erhält. Nach den euphorischen Jahren nach 1870 nahm die Kritik die Flut an neuen Werken aus Raffs Feder ab 1876 etwas verhaltener auf – so findet sich auch im Musikschrifttum der Zeit (so weit wir bisher wissen) wenig Niederschlag zur Rezeption dieser Quartette.

Das Werk wird hier von Jan Schultsz und dem Ensemble Il Trittico aufgeführt. Die empfehlenswerte CD des in Sachen Raff vorbildlichen Labels Divox gibt es hier zu haben:

https://www.exlibris.ch/de/musik/cd/ensemble-il-trittico/piano-quartets/id/7619913209054 

Das Werk wird beim nächsten Konzert der Joachim-Raff-Gesellschaft am 30.4.2017, 17:00, im Reformierten Kirchgemeindehaus aufgeführt. Es spielen Gilles Colliard, Hana Gubenko, Graham Waterhouse und Timon Altwegg. Gespielt wird zudem das Es-Dur-Klavierquartett von Mozart, und Liberty Street von Gilles Colliard wird uraufgeführt.