Raffs «Lenore» – Ein gespenstischer Vorläufer der Filmmusik

Liebe, Abschiedsschmerz, Trauer – in seiner Symphonie «Lenore», die sich auf die damals berühmte gleichnamige «Sturm und Drang»-Ballade von G. A. Bürger bezieht, thematisiert Joachim Raff die grossen Gefühle. Am Samstag, dem 28.10.2017, wird sie im Rahmen des Abschlusskonzerts des «Musiksommers am Zürichsee» unter Giovanni Bria zum ersten Mal in Lachen, am Geburtsort des Komponisten, aufgeführt.

Nicht zuletzt auf dem Erfolg der «Lenore» (1872) beruht Joachim Raffs internationaler Ruf als einer der ersten deutschen Symphoniker seiner Zeit. Ein englischer Verfasser konnte seinen Landesleuten gar berichten, dass Raff auf diesem Feld so bedeutend sei wie Richard Wagner für das Musiktheater oder Johannes Brahms für die Chormusik. Inspiration bezog Raff aus der damals allgegenwärtigen Ballade von G. A. Bürger, die fest im Bildungskanon verankert war. Franz Liszt hatte sie 1857 als Melodram vertont, mit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 erhielt sie eine neue Aktualität: Neben Raff vertonten sie auch August Klughardt und Henri Duparc in zeitlich nächster Nähe. Sie thematisiert die Gotteslästerung, derer sich die Titelheldin schuldig macht, als ihr Geliebter Wilhelm nicht mehr aus den Krieg zurückkehrt. Nachts steht er jedoch als Geist vor der Tür und nimmt seine Braut auf einen tödlichen, fieberhaften Ritt durch die Nacht mit.

Liebesglück und Abschied

Kompositorisch handelt es sich bei Raffs «Lenore» um den Versuch, eine Synthese der altehrwürdigen viersätzigen Symphonie mit der im Liszt-Kreis neu aufgekommenen Programmmusik zu versöhnen. Ausser dem Titel und den Satzüberschriften gibt Raff in der veröffentlichten Partitur keine programmatischen Hinweise, doch in einem Brief an einen Journalisten geht er ausführlich auf seine Absichten ein. Die ersten beiden Sätze, die zusammen eine Abteilung ergeben, widmet der Komponist der Darstellung des «Liebesglücks», das immer wieder ahnungsvoll eingetrübt wird. Mit einem eingängigen Marsch, der wie aus der Ferne kommend lauter und vollstimmiger wird, symbolisiert Raff im dritten Satz das Heranrücken des Militärs. Als Mittelteil dient eine leidenschaftliche Abschiedsszene, ehe der Marsch und mit ihm Wilhelm in der Ferne verschwindet.

Ein Horrorritt mit Happy End

Nur wenige Sätze der Musikgeschichte stellen die erzählerischen Fähigkeiten von Musik so eindrucksvoll unter Beweis wie das mit «Wiedervereinigung im Tode» überschriebene Finale. Nach einer langen bruchstückhaften Einleitung, die das Gefühlschaos der Titelheldin in Musik «übersetzt», klopft es an der Tür und ein über lange Zeit anhaltender Galopprhythmus setzt ein: Der nächtliche Ritt hat begonnen. Plötzlich hört man einen gespensterhaften Choral und pervertierte Ballklänge, bis der Ritt immer wilder wird. Ein Herzklopfen, das aussetzt. Beim Gänsehautpotenzial dieses Satzes überrascht es kaum, dass Bernard Herrmann, der sich als Filmkomponist («Psycho») einen Namen machte, in den 1970er Jahren die erste vollständige Aufnahme dieses Werkes produzierte. Doch Raff endet im Gegensatz zu seiner Vorlage versöhnlich: Unter verklärenden Wagner’schen Klängen vereinen sich die Liebenden im Tode.