Neue Raff-Ausgaben bei Edition Nordstern!

Von den vier Orchesterwerken zu Schauspielen William Shakespeares, die Joachim Raff 1879 in Frankfurt anfertigte, erschienen im 19. Jahrhundert nur deren zwei. Hans von Bülows Vermittlungsversuche bei Johannes Brahms, der sich wunderte, wie jemand so schnell und scheinbar ohne Skrupel Ouvertüren zu diesen vier grossen Werken der Weltliteratur schreiben konnte, blieben nach Raffs frühzeitigem Tod folgenlos. Zwar erschienen wohl auf die Veranlassung von Raffs Schüler Edward MacDowell zwei der vier Ouvertüren 1891 beim amerikanischen Verlag Arthur P. Schmidt unter dem Titel „Vier Shakespeare Ouvertüren für grosses Orchester“. Jene zu „Othello“ und zu „Der Sturm“ blieben zunächst unveröffentlicht. Doch der Stuttgarter Verlag Edition Nordstern gab letztere bereits 2006 nach dem Manuskript in der Berliner Staatsbibliothek erstmals heraus, nun lässt der Verlag „Othello“ folgen.

Musterseite aus der „Othello“-Edition

In diesen programmatisch durchdachten Werken zeichnet Raff mit musikalischen Mitteln die Handlung mehr als nur in nuce nach. Nur schon der ungewöhnliche Tonartenplan dieses Stückes, das sich von D-Dur ins tragische d-Moll wendet, ist der Handlung des Dramas geschuldet. Wie für einen Sonatensatz üblich, stellt Raff dem knappen, harmonisch relativ instabilen Hauptsatz mit deutlich exponiertem Tritonusintervall einen lyrischen zweiten Themenbereich (B-Dur) gegenüber, der wohl Desdemona zugeordnet ist. In der ausführlichen Durchführung setzt sich ein neues, punktiertes Thema (zunächst b-Moll) immer stärker durch, das Jason oder den von ihm gesäten Zweifel symbolisieren dürfte. Am Ende der knappen Reprise tötet der Titelheld seine Braut. In der Coda führt Raff die drei Themen kontrapunktisch in d-Moll zusammen. Die Ouvertüre liegt in mehreren Einspielungen vor.

Musterseite aus der Edition von op. 186

Raffs „Zwei Gesänge“ op. 186 umfasst zwei gegensätzlich angelegte Chorstücke, die er 1873 schrieb und im folgenden Jahr bei C. F. W. Siegel mit integrierter englischer Übersetzung veröffentlichen liess. Das „Morgenlied“ auf einen Text des Dichters Johann Georg Jacobi, den bereits Franz Schubert und Raffs grosses Vorbild Felix Mendelssohn Bartholdy vertont hatten, ist eine idyllische, weitgehend homophon gehaltene Naturbetrachtung in lichtem G-Dur. Für das zweite Stück, „Einer Entschlafenen“ betitelt, verfasste Raff den Text eigenhändig, zeichnet ihn aber unter dem Pseudonym Arnold Börner. Das düstere f-Moll des Anfangs löst sich nach dem dramatisch vertonten Einwurf „Geliebte Seele, hinaus! Hinaus!“ in verklärtes F-Dur auf. Die beiden Stücke konnten bereits 2009 für das Label Sterling eingespielt werden, nun erscheint auch diese Partitur mit einem Vorwort von Avrohom Leichtling.

Weitere Informationen finden Sie auf: www.edno.de

Demnächst erscheinen weitere Raff-Ausgaben, auf die wir uns sehr freuen. Wir halten Sie auf dem Laufenden!

 

Ein «Liederlicher» Blumenstrauss von Anton Urspruch

Auf der Suche nach Wichtel- oder Weihnachtsgeschenken?

Unter dem Titel «Erwartung» veröffentlichten Sibylla Rubens und Carl-Martin Buttgereit diesen Herbst Lieder von Anton Urspruch, einem Schützling Joachim Raffs, auf dem Label Kaleidos – je zwei Lieder Raffs und Liszts ergänzen diese.

Raff und Urspruch teilten sich offensichtlich die Vorliebe für Blumen, insbesondere die Rose. So beginnt diese überaus empfehlenswerte CD mit der Ersteinspielung von Urspruchs schlichten lyrischen «Rosenliedern» op. 5. Mit dem ersten der beiden Raff-Liedern aus dem «Sanges-Frühling» op. 98 geht ein Stimmungsbruch einher: «Das verlassene Mädchen» ist ein eindringliches, sich harmonisch oft unberechenbar dahinwindendes Stück, das kapriziöse «Keine Sorg’ um den Weg» führt jedoch schnell wieder in leichtfüssigere Gefilde.

Obwohl in anderen Liederheften Urspruchs ebenfalls blumige Stücke zu finden sind, zeugen sie auch von einer anderen Seite des Komponisten: In Stücken wie «Deine weissen Lilienfinger» oder «Nachtgesicht» herrschen nachdenkliche, melancholische Töne vor. Diese Stücke erweisen sich als passender Übergang zu Franz Liszts Lied «Freudvoll und leidvoll», das die dialektischen Gegensätze zwischen Freud und Leid mit verschlungenen Dur- und Moll-Wendungen reizvoll auskostet, sowie seine dramatische Umsetzung von Heines berühmtem Gedicht «Die Loreley».

In Urspruchs «Acht Liedern» Op. 23 (1888), die über zehn Jahre nach den anderen hier versammelten Liedern entstanden sind und diese Blütenschau abschliessen, greift er auf ältere Gedichte, vor allem aus dem 18. Jahrhundert, zurück. Es handelt sich um faszinierende Miniaturen, die sich im Dialog zwischen dem gegenüber seinen früheren Liedern aufgewerteten Klaviersatz und der Singstimme entwickeln.

Der Liederspezialist und Booklet-Autor Thomas Seedorf schreibt zu den Liedern Urspruchs: »Diese Musik ist im Wortsinne ,unvergleichlich‘, denn man kann sie weder auf offenkundige Vorbilder zurückführen noch Lieder anderer Komponisten benennen, denen sie vielleicht als Vorbild diente. Musik aus einem fruchtbaren Niemandsland.«

Auch die Interpretation verdient höchstes Lob, und so darf man hoffen, dass sich dieses Duo auch den Liedern Raffs in etwas mehr Breite widmet.

Erwartung

Ein «väterlicher Freund» – Raffs Beziehung zu Anton Urspruch

Raff förderte Anton Urspruch von Beginn seiner Karriere ab, wie elf Briefe des jungen Komponisten an seinen Lehrer und Mentor belegen, die in der Bayerischen Staatsbibliothek liegen (Raffiana I). So empfahl Raff seinem Verleger Kistner, Urspruchs Sonate op. 1 für Klavier zu veröffentlichten. Auch in den kommenden Jahren setzte er sich immer wieder durch Vermittlung bei musikalischen Autoritäten für den jungen Komponisten ein. Im Gegenzug widmete Urspruch die Deutschen Tänze op. 7 Doris Raff-Genast, sein Klavierkonzert op. 9 wiederum Raff selbst. In einem Brief berichtet er ausführlich über die Wiener Premiere dieses Werks, die von keinem Geringeren als Johannes Brahms hintertrieben worden sei.

Ein Brief von Raff an Urspruch, dessen Original im JRA liegt, belegt, dass sich Raff im Sommer 1877 mit Urspruch traf, wohl um dessen Anstellung am Hoch’schen Konservatorium zu besprechen. Als sich Urspruch mit der Verlegerstochter Emmy Cranz verlobt, erfährt Raff direkt nach Urspruchs Eltern als einer ersten brieflich davon. Nach dem Tode Raffs wirkte Urspruch bis zu seinem eigenen – ebenfalls frühzeitigen –  Ableben im Jahr 1907 am Raff-Konservatorium. Seit den 1990er Jahren nimmt die Wiederentdeckung des Komponisten Fahrt an – mittlerweile ist doch eine Handvoll Werke Urspruchs auf CD erhältlich.

Ein Besuch auf der Seite der unterstützenswerten Anton Urspruch-Gesellschaft e. V. lohnt sich:

http://antonurspruch.de/index.htm

Urspruch ist nicht der einzige Komponist, den Raff mit Vermittlung und Empfehlung förderte. Wie Oliver Korte in seinem Referat an der Eröffnungstagung des Joachim-Raff-Archivs ausführte, verhielt es sich ähnlich mit Gotthold Kunkel, der nach dem Tode seines Mentors ebenfalls am Raff-Konservatorium wirkte (im voraussichtlich im nächsten Jahr erscheinenden Tagungsband nachzulesen).

 

 

„Aufwertung eines Verkannten“: Die NZZ über die Archiv-Eröffnung

In der NZZ-Ausgabe vom Mittwoch, dem 10. Oktober, konnte man sich über das Archiv informieren: „Die Eröffnung des Joachim-Raff-Archivs in Lachen könnte eine Renaissance des Komponisten mit Schweizer Wurzeln einleiten.“ Wir hoffen es und arbeiten mit viel Herzblut daran!

Der Beitrag ist für jene, die ihn verpasst haben, online zu finden:

https://www.nzz.ch/feuilleton/aufwertung-eines-verkannten-ld.1422787

Wir danken Herrn Schacher ganz herzlich für den Besuch und die tolle Berichterstattung!

Technische Ausstattung des Raff-Archivs

Dass wir vor der grossen Eröffnungsfeier verhältnismässig gut geschlafen haben, war nicht zuletzt Heini Rogenmoser (Heirosoft Internet Service) zu verdanken: Er hat uns die Technik (Internet, Drucker, Beamer, Musikanlage) eingerichtet und uns ein Wochenende frei von Pannen beschert. Ganz herzlichen Dank für die fachlich überaus kompetente Unterstützung!

 

Bilder vom Eröffnungskonzert

  • Harmoniemusikverein Lachen, Leitung: Hanspeter Kunz Foto: Carlo Stuppia