Jahres-Ende mit „Welt-Ende“

Als kleines Weihnachtsgeschenk stellt Ihnen die Joachim Raff Gesellschaft die bisher nur auf Schallplatte erschienene Erstaufnahme von Raffs einzigem Oratorium „Welt-Ende – Gericht – Neue Welt“ online zum Download bereit. Damit sollen sowohl das Dreissigjahrjubiläum dieser Weltpremiere-Aufnahme begangen, als auch den Raff-Interessierten ein kleines Dankeschön für die Unterstützung überreicht werden. Damit wird zudem ein intensives, aufregendes Raff-Jahr 2016 ad acta gelegt. 2017 kann kommen! Frohe Festtage!

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In der Geschichte der Wiederentdeckung Raffs ab den 1970er-Jahren spielt sein Oratorium „Welt-Ende“ eine gewichtige Rolle. Bei der hier bereit gestellten Aufnahme handelt es sich um die bisher einzige, die vor genau dreissig Jahren – 1986 – in der Kirche Empfingen eingespielt wurde, jener süddeutschen Gemeinde in der Nähe von Rottweil, aus der Raffs Vater stammte (zumindest seit Empfingen und das kleinere Wiesenstetten zusammen eine Gemeinde bilden). Seit der Gründungsphase der Joachim Raff Gesellschaft im Jahre 1974 intensivierte Anton Marty den Kontakt sowohl mit Wiesenstetten-Empfingen sowie mit Schramberg, wo ein Nachkomme Raffs, Dr. Konstantin Hank, als Bürgermeister wirkte. Das Ergebnis waren Städtefreundschaften, die bis heute währen. Für die Aufnahmen konnten Kurt Widmer und Mechthild Georg als Solisten gewonnen werden, Gerhard Rehm leitete Mitglieder des SWR, die Balinger Kantorei, den Katholischen Kirchenchor Empfingen und den Kirchenchor Wiesenstetten. Frank Reinisch, einem ausgewiesenen Spezialisten im weiten Feld des Oratoriums, Mark Römer, damals im Vorstand der Joachim Raff Gesellschaft und Verfasser einer heute noch lesenswerten Biographie Raffs, und Res Marty zeigen sich verantwortlich für die Texte des umfangreichen Booklets der 3LP-Box. Finanziert wurde dieses Mammutprojekt von der Empfinger Julius-Bauser-Stiftung und den Zweckverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke.

Lachner hatten 2012 die Gelegenheit, den mittleren Teil des Oratoriums, „Gericht“, im Konzert zu hören: Urs Bamert führte ihn in der Lachner katholischen Kirche mit dem Sinfonieorchester Ausserschwyz auf. Später in diesem Jahr wurde bei der Aufarbeitung von unkatalogisierten Beständen in der Hochschule Franz Liszt in Weimar eine Lithografie einer handschriftlichen Partitur des Werkes entdeckt, vermutlich von Raffs bisher verschollenem Autograph.

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Die Digitalisierung der Aufnahme ist dem Dirigenten Adriano zu verdanken, der sich bereits in den 1970er-Jahren goldene Sporen in der Wiederentdeckung von Raffs Musik verdient hat: Auf seinem Label veröffentlichte er die erste Aufnahme von Raffs vielgelobtem Klavierquintett (op. 107). Seit Jahren beschäftigt er sich intensiv mit dem ebenfalls viel zu wenig beachteten Komponisten Fritz Brun und anderen schweizerischen Komponisten.

http://www.adrianomusic.com

Im christlichen Kalender beginnt das Kirchenjahr mit der Adventszeit, die theologisch die Ankunft Christi in der Welt versinnbildlicht und in der Feier seiner Geburt am Heiligen Abend gipfelt. Die Adventszeit setzt aber wiederum das Ende des liturgischen Jahres im November voraus, das dem Tod, vielmehr aber dem Leben nach dem Tod gewidmet ist; gleichwohl gilt, dass am Ende der Zeit ohne „Welt-Ende“ und „Gericht“ auch keine „Neue Welt“ erstehen kann.

Raffs Oratorium steht am Ende seines Lebens. Schon in frühen Rezensionen wurde es als sein „Schwanengesang“, als sein Abschied von dieser Welt gedeutet – auch die eschatologische Thematik des Oratoriums passt nur zu gut in diese Interpretationslinie. Raffs Idee, ein Werk zu schreiben, das auf der Offenbarung des Johannes basiert, geht aber weit in die 1870er-Jahre zurück, als der mitten im Leben und auf dem Gipfel seines Ruhmes stehende Komponist plante, ein instrumentales Werk über die vier apokalyptischen Reiter zu schreiben. Dies erklärt auch die starke Gewichtung des Orchesters in diesem Werk. Später entschied er sich, die instrumentalen Sätze in ein Oratorium einzubauen und verfasste dazu ein Libretto, das er aus dem Text der Bibel generierte und mit selbst gedichteten Chorsätzen anreicherte. Johannes führt als Erzähler durch Raffs einziges Werk dieser Gattung, eine mit Bachs Namen verbundene Praxis, die kritische Stimmen schon bei Mendelssohns „Paulus“ bemängelten. Um dem Werk, das – wie sein Titel ankündigt – aus drei Abtheilungen besteht, auch eine lyrische Seite zu verpassen, integriert Raff eine himmlische Alt-Solistin, die als „Eine Stimme“ bezeichnet wird und mit der Arie „Schlage an mit deiner Sichel“ eines der Highlights des Oratoriums erhält. Wie auch Liszts Oratorium „Die Legende der Heiligen Elisabeth“ (der Raff wiederum in seiner Orchestersuite „Aus Thüringen“ ein Denkmal setzt) zeigt „Welt-Ende“ in der Verwendung von Leitmotiven (zum Beispiel für den Tod, für Gott oder die Hölle) Bezüge zum zeitgenössischen Musikdrama.

Der erste Teil des Oratoriums, das „Welt-Ende“, ist wiederum in vier Teile gegliedert: „Vision des Johannes“, „Die apokalyptischen Reiter“, „Frage und Dank der Märtyrer“, „Letzte Zeichen in der Natur und Verzweiflung der Menschen“. Die apokalyptischen Reiter werden durch instrumentale Intermezzi versinnbildlicht, in denen wie im gespenstischen Finale seiner Fünften Symphonie „Lenore“ ostinate Galopp-Rhythmen die Reiter symbolisieren. Lina Ramann, Schülerin und Biographin Liszts, unterstellt dem Satz, der den Hunger darstellen soll, unfreiwillige Komik, als sie in ihrem Tagebuch (siehe Ramann: Lisztiana, 1983, S. 246) dazu Folgendes notiert: „Sein Hungermotiv 6/8-Takt à la sicilienne soll sehr erheiternd wirken.“ Zwischen die Sätze sind jeweils ein Todesmotiv, das aus einem feierlichen Choral besteht, und ein erklärendes Rezitativ von Johannes eingeschaltet.

Hier ist nicht der Ort, um die musikalische Gestaltung des Oratoriums in extenso zu beschreiben. Wer sich darüber ausführlicher informieren will, findet auf der unten verlinkten Downloadseite einen Scan des umfassenden Booklets mit dem Text von Frank Reinisch. Zudem veröffentlichte Carmen Ottner in dem von ihr herausgegebenen Tagungsbericht unter dem Titel „Apokalypse“ (1999), der sich Franz Schmidts ebenfalls auf der Apokalypse basierendem Oratorium „Das siebte Siegel“ (1937/1938) annimmt, G.-J. Winklers Aufsatz mit dem Titel „Himmlisches Jerusalem wilhelminisch: Joachim Raffs Oratorium ‚Welt-Ende – Gericht – Neue Welt’“. Ebenfalls wertvoll ist ein früher anonymer Zeitungsbericht über das Oratorium mit einer Werkanalyse in der englischen Times, der 1883 im Vorfeld der englischen Erstaufführung in Leeds publiziert wurde. Mark Thomas hat ihn auf seiner überaus informativen Website raff.org veröffentlicht.

http://www.raff.org/support/download/w_ende.pdf

Zum Download der Aufnahme:

http://labhart.net/raff-archiv/weltende/

Scan des Erstdruckes in der Petrucci Library (gratis):

http://imslp.org/wiki/Welt-Ende,_Gericht,_Neue_Welt,_Op.212_(Raff,_Joachim)