Liebhaber des Schönen

Wie Raffs Biografie eindrücklich zeigt, waren die ersten Jahre für einen angehenden Komponisten mit vielen Entbehrungen verbunden. Weil die Aufführung und der Druck der eigenen Werke nur wenig Geld einbrachten, mussten Teilzeit-Jobs angenommen werden, die ein Leben am Existenzminimum ermöglichten. Raff hielt sich mit zahlreichen Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Eine Sparte, in der er sich als gut gebildeter junger Herr schon früh betätigte, war das Schreiben von Korrespondenzen und Rezensionen für Zeitschriften. Ein wenig diplomatischer Artikel in der „Wiener Allgemeinen Zeitung“ in seiner Kölner Zeit führte zum Beispiel dazu, dass ihm von seinen Arbeitgebern, Eck & Lefebvre, nahe gelegt wurde, den Dienst zu quittieren – was er wegen anhaltenden Spannungen mit seinen Vorgesetzten nur zu gerne annahm. Insgesamt sind uns zum jetzigen Zeitpunkt mehr als zehn Zeitschriften bekannt, für die Raff, zum Teil über Jahre hinweg, geschrieben hat. Die Suche nach den Artikeln gestaltet sich allerdings nicht immer leicht, da viele von ihnen unter einem Kürzel oder gar nicht signiert publiziert wurden (eine Ausnahme ist Franz Brendels „Neue Zeitschrift für Musik“, in der Raff mit seinem bürgerlichen Namen unterzeichnete). Nicht zuletzt dank seinen Briefwechseln sind wir jedoch über einige Kürzel und Pseudonyme unterrichtet. Hans von Bülow schreibt ihm beispielsweise in den 1850er-Jahren, dass ihm sein altes Kürzel „mf“ (für mezzoforte?) besser gefalle als sein neues „R.“. Dank der Biografie von Helene Raff wissen wir auch, dass ihr Vater für Richard Dehms Zeitschrift „Caecilia“, die Schott veröffentlichte, Texte verfasste. Bisher war jedoch unbekannt, welches Kürzel oder Pseudonym er in dieser Zeitschrift verwendete. Der von uns zum ersten Mal systematisch erschlossene Briefwechsel mit Schott löste diese Unklarheit nun auf: In seinem Brief an den Verleger vom 29.12.1846 erwähnt Raff die beiliegende Kritik eines „Lachner-Quartetts“ aus seiner Feder. Diese konnten wir im Band des Jahrgangs 1847 identifizieren: Es handelt sich um das Klavierquartett op. 10 von Vincenz Lachner, das in Karlsruhe ein Preisausschreiben gewonnen hatte. In dieser zehn Seiten langen Rezension geht Raff zunächst allgemein auf das Phänomen des Preisausschreibens ein (nur nebenbei erwähnt eine Institution, der Raff später Vieles zu verdanken hat: Seine erste Symphonie „An das Vaterland“ gewann 1861 ein Wiener Preisausschreiben), ehe er das Werk ziemlich ausführlich unter Abdruck einiger Passagen rezensiert. Unterzeichnet ist sein Text mit:

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Es ist wenig überraschend, dass sich der altphilologisch gebildete Raff ein griechisches Pseudonym auswählt, das zudem auf die idealistische Ästhetik verweist, in deren Tradition er sich zum Beispiel in seiner „Wagnerfrage“ stellt (es bedeutet „Liebhaber des Schönen“). Das so ermittelte Pseudonym half dabei, weitere Texte Raffs ausfindig zu machen, die zu späterem Zeitpunkt in derselben Zeitschrift erschienen sind: einen Artikel über einen „Stapel“ an Klavierwerken, die ihm Schott zugeschickt habe, und eine Rezension der ersten Klaviersonate von Maurice Levy (über beide soll zu gegebenem Zeitpunkt berichtet werden). Leider ging die „Caecilia“ bereits 1848 ein und konnte Raff nicht länger ein Forum für seine schriftstellerischen Fähigkeiten bieten. Doch für diese ergaben sich anderswo später Gelegenheiten genug.

Zur Herbstzeit

In diesen ersten noch sommerlich-heissen Herbsttagen nimmt die Joachim Raff Gesellschaft eine Generalüberholung ihrer Website in Angriff, die mit neuem Leben gefüllt werden soll. Neben den bereits etablierten Themenbereichen wollen wir häufiger – mal ernsthaft, mal wie aus dem Nähkästchen – über Raffs Leben und Wirken berichten.

Im Laufe der nächsten Monate stehen mehrere Projekte der Joachim Raff Gesellschaft an, die darauf abzielen, Raffs Texte, Briefe und Werke besser zugänglich zu machen und seinen Geburtsort Lachen mit der Erinnerung an seinen berühmtesten Sohn zu durchdringen. Den Fortschritten und Ergebnissen dieser aufregenden und gewinnbringenden Arbeit ist die Kategorie „Raffiniertes Lachen“ gewidmet.

In der neuen Kategorie der „Trouvaillen“ wollen wir über kleinere und grösses Entdeckungen bei der Arbeit mit „Raffiana“ berichten. Die von uns bearbeiteten Briefe von und an Raff, die neu aufgefundenen Aufsätze des Komponisten, Artikel und Rezensionen über ihn und seine Werke ermöglichen uns, ein immer deutlicheres Profil des Lachners zu zeichnen.

Franz Liszt prägte in seinem höchst aufschlussreichen, aber auch ebenso unterhaltsamen Briefwechsel mit Raff den Begriff des „Herumraffens“, da der sich verletzt fühlende Raff gerne durch Ausfälligkeiten und die unverhüllte, oft verletzende Aussprache seiner „Wahrheit“ reagierte. In der Kategorie „Herumraffereien“ sollen gelegentlich solche Anfälle des Komponisten, die man im Neudeutschen wohl als „rant“ bezeichnen würde, dokumentiert werden.

Anmerkungen zum Konzert vom 29. Oktober 2016

Res Marty, Präsident der Joachim Raff Gesellschaft

  • Die Rhapsodie Abends (Opus 163b) für Orchester ist eine Bearbeitung von Joachim Raff seiner Suite G-dur Opus 163 für das Pianoforte. Die Suite beinhaltet fünf Nummern (Präludium, Allemande, Romance, Menuett, eben Rhapsodie und Gigue-Finale). Raff bearbeitete das Werk im Frühjahr 1874. Erschienen ist es im August 1874. Die Erstaufführung erfolgte am 23. Oktober 1874 im 10. Sinfonie-Konzert des städtischen Orchesters unter Louis Lüstner‘s Leitung im Kurhause zu Wiesbaden. Die ganze Suite Opus 163 für Pianoforte komponierte Raff bereits 1871, ebenfalls in Wiesbaden.
  • Die Ciaconna Bach/Raff hat keine Opus Bezeichnung. Im Schäfer Werkverzeichnis findet es sich unter den übrigen von Raff geschaffenen Werken in der Abteilung IV als Nr. 6. Er bearbeitete Bachs grandioses Stück für Solo-Violine 1873 für das Orchester. Das Werk ist der Philharmonischen Gesellschaft von New York gewidmet. Zweifellos eine Referenz für die Ehrenmitgliedschaft die die New Yorker Philharmoniker Raff 1872 zusammen mit Franz Liszt und Richard Wagner zu teil werden liessen. Es wurde am 20. März 1874 in Wiesbaden in einem Sinfonie-Konzert des städtischen Kurorchesters in Wiesbaden unter Raff’s persönlicher Leitung uraufgeführt. Raff schreibt zu seiner Bearbeitung folgendes:
    «J.S. Bach’s Kompositionen für eine Violine haben, wie jeder weiss, der sie näher kennen gelernt hat, einen so bedeutenden polyphonen Gehalt, dass die Vermutung nahe liegt, sie möchten – zum grösseren Teil wenigstens – ursprünglich gar nicht für Violine gedacht sein, eine Vermutung, die in einigen Fällen bereits durch die Thatsachen bestätigt ist. – Auch mit der Ciaconna verhält es sich unzweifelhaft so; die zahlreichen Ansätze und Verstümmelungen in diesem Stück müssen selbst dem Laien auffallen und ihn auf den Gedanken bringen, dass dasselbe anfänglich in anderer Gestalt vorhanden gewesen und die jetzige ein blosses Arrangement sei. – Dem polyphonen Gehalt, der in der ersten Fassung der Ciaconna gelegen haben muss, nachzuspüren und selbigen im modernen Orchester flüssig zu machen, war nun der Zweck gegenwärtiger Bearbeitung, die kein anderes Verdienst für sich in Anspruch nimmt, als der erste Versuch dieser Art zu sein.»
    In jüngerer Zeit haben sich die Professoren Hans-Joachim Hinrichsen und Dominik Sackmann (Universität Zürich) in der Schrift Bach-Rezeption im Umkreis Franz Liszts, Joseph Joachim Raff und Hans von Bülow mit unter anderem auch diesem Werk musikwissenschaftlich auseinandergesetzt. Das Schriftstück ist 2004 im Carus-Verlag Stuttgart erschienen. Sackmann kommt bei der Werkanalyse auf ein sehr respektvolles und wohlwollendes Ergebnis und attestiert Raff auf Seite 19 u.a.: «…Die Prüfung der gesamten Klavierbearbeitung von Bachs Violin-Ciaconna offenbart, dass – entgegen Feders Ansicht – Raff ebenso subtil wie kenntnisreich mit der Vorlage umging…»

Beide Werke werden in Lachen, dem Geburtsort von Joachim Raff, erstmals aufgeführt. Dies darf wiederum als ein sehr bedeutendes musikalisches und kulturelles Ereignis für Lachen, den Kanton Schwyz und auch gesamtschweizerisch gewertet werden. Die Camerata Schweiz ist ein schweizerisches Spitzenorchester.

Anmerkungen zum Konzert vom 24. Oktober 2015

Res Marty, Präsident der Joachim Raff Gesellschaft

Der in Lachen geborene und aufgewachsene Joachim Raff komponierte seine 6. Sinfonie (von insgesamt 11 Sinfonien) im Jahre 1873 in seiner produktionsreichsten Phase in Wiesbaden. Raff war in dieser Zeit bereits selbständiger Komponist und konnte von seinen sehr erfolgreichen Kompositionen und Dirigaten leben. Er war inzwischen weltberühmt, seine früheren Werke, besonders seine dritte, die Waldsinfonie und die fünfte, die Lenoren Sinfonie wurden in ganz Europa und Übersee gefeiert. So war er ziemlich unter Druck, wieder ein erfolgreiches Werk zu schaffen.

Gelebt, gestrebtDie 6. Sinfonie ist betitelt mit: ‚Gelebt: Gestrebt, Gelitten, Gestritten, – Gestorben, – Umworben‘. Dieses Ideal wurde auch zum Lebensmotto von Raff. Er war überzeugt, dass sein Ruf erst nach seinem Tode völlig zum Durchbruch komme und er während seiner Lebenszeit nicht verstanden werde. Bekanntermassen kam es dann genau umgekehrt. Im ersten Satz zeigt Raff die ernste, vielleicht auch traurige Seite des Strebens nach Anerkennung, Verständnis und Erfolg. Im zweiten Satz versucht er dies mit Humor und Witz zu verarbeiten. Im dritten Satz hört man eine eigentliche Totenklage für den verstorbenen und auch vergessenen Künstler und der letzte Satz löst die Spannung auf, indem die Nachwelt entdeckt, dass die Werke des Künstlers doch hörenswert und bedeutungsvoll sind.

Die Sinfonie in d-Moll beginnt mit einem Allegro non troppo, wechselt im zweiten Satz zu einem Vivace um im dritten Satz zu einem Larghetto zu gehen. Mit dem vierten Satz endet die Sinfonie mit einem Allegro con spirito.

Die Sinfonie ist traditionell als viersätziges Werk aufgebaut. Der langsame Satz kommt bei Raff an dritter Stelle. Vor allem auch im ersten Satz zeigt Raff seine hervorragende Kompositions- und Instrumentaltechnik. Er kombiniert die Instrumente immer wieder neu und bringt damit viel Farbe in die Musik. Interessant ist das schnelle und unterhaltsame Finale des ersten Satzes. Interessant und melodiös ist der zweite Satz. Er erinnert an Mendelssohns Sommernachtstraum. Der Trauermarsch, als dritter Teil ist gemessen, eher langsam und im Fugenteil hört man Raffs bekannte Stärke als Kontrapunktiker. Und im vierten Satz zeigt er sich wieder als hervorragender Instrumentator und nochmals als gewieften Kontrapunktiker, der souverän und virtuos seine Musik erleben lässt. Interessant sind auch noch die verschiedenen Tonartwechsel von Dur zu Moll und wieder zurück innerhalb der einzelnen Sätze.

Das Werk wurde am 21. Oktober 1874 durch die königliche Hofkapelle unter Leitung von Wilhelm Taubert in Berlin uraufgeführt. 14 Tage später nochmals in Berlin, aber unter Leitung von Bernhard Bilse. Bereits am 16. November des gleichen Jahres dirigierte Joachim Raff persönlich die Sinfonie in Weimar im berühmten Hoftheater anlässlich eines Konzertes mit Werken ausschliesslich von ihm selbst.

Ein Jahr früher wurde Raff zeitgleich mit Richard Wagner und Franz Liszt Ehrenmitglied der New Yorker Sinfoniker. Er wurde in dieser Zeit auch sonst mit Ehrungen überhäuft, z.B. wurde er 1872 von der Akademie des Realo Istituto Musicale Florenz ebenfalls zum Ehrenmitglied erkoren, und gleichermassen auch vom Tonkünstlerverein Dresden. Raff wurde in dieser Zeit auch als Gründungsdirektor einer Musikhochschule in Wiesbaden gehandelt. Die Idee zerschlug sich, aber Raff wurde nur drei Jahre später Hochschuldirektor in Frankfurt a.M.

Giovanni Bria führt diese Sinfonie erstmals in Lachen auf. Das darf als ein besonderes musikalisches Ereignis für den Geburtsort von Joachim Raff bezeichnet werden.

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Giovanni Bria lässt nun schon seit bald 20 Jahren in Lachen Joachim Raff wiederauferstehen und bringt jährlich ein Raff-Werk zur Aufführung. Er beachtet dabei auch immer wieder die hohe Qualität der Orchester und der Solisten.

Ungefähr in der gleichen Zeit wie die Sinfonie Nr. 6 wurde auch Raffs Cellokonzert, das er dem damals berühmten Cellisten Friedrich Grützemacher widmete, geschaffen und 1874 in Dresden unter Leitung von Julius Rietz aufgeführt. Bekanntlich wurde dieses Werk im Oktober 2012 in Lachen mit dem inzwischen berühmten jungen, damals 18 jährigen Cellisten Christoph Croisé aufgeführt. Auch damals leitete Giovanni Bria dieses denkwürdige Konzert in Lachen.

Es gibt übrigens zwei CD-Einspielungen: Bei Marco Polo/Naxos mit der Slovakischen Staats Philharmonie unter Leitung von Urs Schneider und bei TUDOR (7108) mit den Bamberger Symphoniker unter Hans Stadlmair (2003).