Werk des Monats: Raffs Klavierquartett c-Moll op. 202,2

Mit den beiden 1876 komponierten, durchaus gewichtigen Klavierquartetten, die er als ein Kontrastpaar unter der Opuszahl 202 veröffentlichte, zeichnet Joachim Raff ein Janusgesicht: Im ersten in G-Dur herrschen unbeschwertere, eher leichte Tonfälle vor, das zweite in c-Moll gehört hingegen zu seinen leidenschaftlichsten Stücken.

Raffs Quartett ist anders als andere Gattungsbeiträge nicht konzertant als Dialog zwischen Klavier und Streichergruppe angelegt. Vielmehr fusst es auf dichtem Klavierklang, der fast durchgehend präsent ist. Der erste Satz, nach Timon Altwegg ein «pianistisch wahr gewordener Albtraum», gewinnt auf diese Weise einen dichten, drängenden, unruhigen Charakter. Die Tonart c-Moll und die Anlage der Sätze verweisen auf das Prinzip «per aspera ad astra», das wie in Beethovens fünfter Symphonie durch das Dunkle ins Licht führt. Das Hauptthema beginnt dramatisch in den untersten Register des Klaviers und schraubt sich bei wachsender Intensität mehr und mehr in die Höhe. Der kontrastierend angelegte Seitensatz in der Durparallele fällt gewissermassen in ein Vakuum, das Raff aber eher mit klagenden als hoffnungsvollen Klängen füllt, die sich auch in der Reprise in C-Dur-Gestalt nicht bleibend etablieren können. Auch das darauf folgende Scherzo ist von drängendem Charakter, wobei es im Mittelteil des Scherzos und im Trio auch lyrische bzw. hymnische Qualitäten entwickelt. Das Hauptthema des langsamen Satzes, der wie jener des Mozart-Quartetts in As-Dur mit harmonisch avancierten Passagen steht, kontrastiert mit einem aufgewühlten Mittelteil in gis-Moll. Wie das Finale von Beethovens Neunter Symphonie beginnt dasjenige von Raffs Quartett mit einem Rezitativ, das sinngemäss «O Freunde, nicht diese Töne» anzustimmen scheint, denn nun folgen «angenehmere»: nämlich spielerisches, lebhaftes C-Dur (wenn auch mit harmonischen Ausbrüchen), das durch einen sehnsuchtsvollen Seitensatz einen Gegenpol erhält. Nach den euphorischen Jahren nach 1870 nahm die Kritik die Flut an neuen Werken aus Raffs Feder ab 1876 etwas verhaltener auf – so findet sich auch im Musikschrifttum der Zeit (so weit wir bisher wissen) wenig Niederschlag zur Rezeption dieser Quartette.

Das Werk wird hier von Jan Schultsz und dem Ensemble Il Trittico aufgeführt. Die empfehlenswerte CD des in Sachen Raff vorbildlichen Labels Divox gibt es hier zu haben:

https://www.exlibris.ch/de/musik/cd/ensemble-il-trittico/piano-quartets/id/7619913209054 

Das Werk wird beim nächsten Konzert der Joachim-Raff-Gesellschaft am 30.4.2017, 17:00, im Reformierten Kirchgemeindehaus aufgeführt. Es spielen Gilles Colliard, Hana Gubenko, Graham Waterhouse und Timon Altwegg. Gespielt wird zudem das Es-Dur-Klavierquartett von Mozart, und Liberty Street von Gilles Colliard wird uraufgeführt.

Beginn einer „zweiten Periode“: Raffs „Frühlingsboten“ op. 55

Viele der sich schriftstellerisch betätigenden Komponisten in Raffs Umfeld erwiesen sich Freundschaftsdienste, indem sie gegenseitig Werke voneinander in der Presse besprachen, um ihnen einen Publizitätsschub zu verschaffen. Es überrascht nicht, dass Hans von Bülow, der zu Joachim Raffs besten Freunden und seinen wichtigsten Interpreten (sowie sicherlich auch zu den unterhaltsamsten Sprachvirtuosen des 19. Jahrhunderts) gehörte, auch Rezensionen zu einigen Werken Raffs verfasste. Unter letzteren findet sich auch eine zu den „Frühlingboten“ op. 55 in der Neuen Zeitschrift für Musik (Ausgabe Jg. 40, Nr. 5, vom 27. Januar 1854, unter dem Pseudonym Peltast). Raff revanchierte sich spätestens mit seiner Rezension von Bülows „Elfenjagd“ in den „Signalen für die musikalische Welt“ (1860). „Beginn einer „zweiten Periode“: Raffs „Frühlingsboten“ op. 55“ weiterlesen

Von der Sonate zum lyrischen Klavierstück: Rezital mit Aris A. Blettenberg

Nachdem Beethoven die Klaviersonate in höchste Höhen geführt hatte, suchten eingeschüchterte Komponisten neue Wege, für dieses Instrument zu schreiben.

In seinem vielseitigen Programm für das erste Konzert der Joachim Raff Gesellschaft im neuen Jahr nimmt uns der junge Pianist Aris A. Blettenberg mit auf eine musikalische Reise von der Sonate (Schuberts D 664) über die Sonaten-Fantasie-Hybriden (Mendelssohns Fantasie op. 28) bis hin zu den von Chopin und Schumann geprägten lyrischen Klavierstücken aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts (Chopin, Draeseke, Bungert, aus Raffs «Frühlingsboten»).

Blettenberg gewann den ersten Preis des Meininger Hans-von-Bülow-Wettbewerbs in der Kategorie «Dirigieren vom Klavier», reist als Solist durch das europäische Umland und komponiert preisgekrönte Werke für Zupforchester.

Wann: 18.2.2017, 19:30

Wo: Pfarreiheim Gerbi, Lachen

Eintritt frei, Kollekte

Im unten angehängten Flyer finden Sie das ausführliche Programm des Konzertes.

Flyer 2017 Konzert Blettenberg

Konzertbesprechung im March-Anzeiger vom 20. Februar 2017

Eine literarisch-musikalische Schweizerreise mit Joachim Raff in Braunwald

Für seine Werke liess sich Joachim Raff oft von der Landschaft der Schweiz, seinem „Mutterland“, inspirieren. Als gebürtiger Lachner prägte ihn die Lebenswelt am Zürichsee ebenso wie der Eindruck der nahen Alpen, die sogar Einfluss auf seine politisch liberale Einstellung nahmen: „Wir glauben uns für unseren Liberalismus verbürgen zu können, wir haben ihn eingesogen mit der Luft der freien Alpen, an deren Fusse unsere Wiege stand.“ (Allgemeine Wiener Musik-Zeitung 6, 12. Nov. 1846, S. 551).

Am Sonntag (15.1.2017) fand in der BSINTI, einem Literaturcafé im verschneiten Glarner Wintersportort Braunwald, eine intermediale Matinee statt, die sich musikalischen und literarischen Schweizerbildern im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts widmete und der Musik Joachim Raffs dabei einen bedeutenden Stellenwert beimass. Res Marty leitete durch das spannende und unterhaltsame Programm, das einen mal zum Schmunzeln veranlassenden, mal nachdenklich stimmenden Einblick in verschiedene Schweizerbilder der Belle Époque zu geben vermochte. Auf den Spuren von C. F. Meyer, Alexandre Dumas, Therese Bichsel, Thomas Mann und Karl Kraus fügte sich ein faszinierendes Kaleidoskop der dem Wandel unterworfenen Tourismusdestination Schweiz zusammen. Die ausgewählten Texte las Swantje Kammerecker mit viel Einfühlungsvermögen, den Reisekutschenkatastrophenbericht von Dumas genauso wie den etwas unbeholfen ausgefallenen Abschiedsbrief der Brienzer Schifferin Elisabetha Grossmann an ihren Geliebten.

Vilma und Daniel Zbinden, die zusammen ein gut eingespieltes Klavierduo mit viel Raff-Erfahrung bilden, untermalten die Schweizerreise passend mit den mal spritzigen, mal melancholisch verhaltenen lyrischen Stücken für Klavier vierhändig (aus Douze Morceaux, op. 82, 1858/59), die Raff in seinen Wiesbadner Jahren wohl für pädagogische Zwecke vorsah, aber damit dennoch unterschiedlichste poetische Stimmungen evozieren konnte. Zudem wurde die Reise passend bebildert.

Das Publikum der gut besuchten BSINTI zeigte sich angetan von diesem intermedialen Projekt und nahm sich danach Zeit, sich bei einem Mittagessen oder beim Kaffee mit den Beteiligten des Projektes zu unterhalten. Wegen des guten Feedbacks wird geplant, den Anlass andernorts erneut auf die Bühne zu bringen.

Die CD des Zbinden-Duos mit vierhändigen Raff-Stücken (stimmig kombiniert mit Stücken Fabian Müllers und der Lesung eines Textes des bekannten Schriftstellers Tim Krohn, der von Raffs Lebenslauf inspiriert wurde) kann bei den Interpreten erworben werden (www.zbindenduo.ch). Es lohnt sich!

Die BSINTI bot eine überaus gemütliche Kulisse für diese Schweizerreise, zu der die vielen Glarner Spezialitäten einen kulinarischen Beitrag lieferten. Diese Kulturbar hat ein vielseitiges Programm, in das einen Blick zu werfen sich lohnt. Am 3. Februar könnte man zum Beispiel einen Tag im Schnee mit einer Aufführung von Werken für Klavier und Flöte von Roussel, Debussy, Ligeti und Feldman kombinieren.

www.bsinti.ch

Ein Fortepiano aus Raffs Zeit für die JRG

Für die Joachim Raff Gesellschaft beginnt das Jahr 2017 mit einem Paukenschlag. Heute (am 9.1.) fand die Übergabe eines frisch restaurierten Fortepianos der Marke Bayer aus dem Jahre 1868 statt, das der Tessiner Musikfreund Lorenzo Maria Olgiati der Joachim Raff Gesellschaft kostenlos als Dauerleihgabe zur Verfügung stellt.

von links: Res Mary (JRG), Lorenzo Maria Olgiati (Besitzer des Flügels), Severin Kolb (JRG), Emanuel Lardi (Restaurator), Armin Kölbli (Leiter Musikschule Altendorf), Igor Eriomenco (Mitarbeiter Lardis)  

Zum Bericht von Frieda Suter im March-Anzeiger:

Artikel March Anzeiger 2017_01_10

Das imposante Instrument der geschätzten Wiener Manufaktur Franz Bayer, das die Opuszahl 7 trägt, stammt aus dem Jahr 1868. Die „Zeitschrift für Orgel-, Clavier- und Flügelbau“ (1853, Heft 2, S. 28) schreibt im Rahmen einer Expo über ein früheres Klavier Bayers folgendes Gutachten: „Der Aussteller [Bayer] ist durch 24 Jahre auf dem hiesigen Platze ansässig und geniesst einen ehrenwerthen Ruf, welchen er durch dieses Instrument neuerdings bestätigte. Es war von guter Arbeit und gutem Tone. Bayer hat einen nicht unbedeutenden Absatz im Auslande. Er wurde wegen anerkannter solider Arbeit, Güte des ausgezeichneten Instruments und bewirkter Ausfuhr seiner Erzeugnisse der ehrenvollen Erwähnung würdig befunden.“ Zu den Abnehmern zählte sich zum Beispiel auch der Köthener Hof. Es ist durchaus denkbar, dass Joachim Raff gelegentlich auf einem Flügel dieser Firma gespielt oder komponiert hat. Dank dieser Leihgabe hat man in Zukunft in Lachen Gelegenheit, Raffs Musik in einem historisierenden Klanggewand zu hören.

Olgiatis Hammerflügel befand sich im Nachlass seines Grossvaters Camillo Beretta, eines Advokaten, der zwar selbst nicht musizierte, doch durch das Spiel seiner Frau Noride in den Genuss kam, dieses Instrument zu hören. Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm und die Tochter Fiorella Olgiati-Beretta – Lorenzos Mutter – verbrachte ebenfalls viel Zeit am Klavier. Da es in der jetzigen Generation der Familie nur selten verwendet wurde, suchte Lorenzo einen Ort, an dem es Leuten eine Freude bereiten kann und wurde durch die liebenswürdige Vermittlung des Unternehmers Josef Feusi, der sich immer wieder für Raff engagiert, bei der glücklichen JRG fündig.

Mit der sorgfältigen und fachkundigen Restauration wurde Emanuel Lardi betraut, der in Poschiavo eine Werkstatt betreibt, dort zudem seine persönliche Sammlung an antiken Instrumenten ausstellt. Lardi renovierte das Instrument über Jahre hinweg völlig mit den Mitteln der Zeit, aus der es stammt – zum Beispiel unter Verwendung von selbst produziertem Knochenleim, von Saiten aus der damals üblichen Legierung, von sorgfältig gegerbtem Hirschleder, damit das Instrument authentisch bleibt und seinen besonderen Klangcharakter wahrt. Kein Geringerer als Diego Fasolis hat dem Klang dieses schönen Instrumentes einen Kranz gewunden. Das Instrument befindet sich zur Zwischenlagerung in einem Raum der Musikschule Lachen/Altendorf, den deren Schulleiter Armin Kölbli uns dankenswerterweise zur Verfügung stellt, bis die JRG eigene Räumlichkeiten beziehen kann.

Die Joachim Raff Gesellschaft bedankt sich bei Lorenzo Maria Olgiati ganz herzlich für das Vertrauen, das er uns entgegenbringt und freut sich sehr darauf, dieses Schmuckstück so bald wie möglich bei einer Einweihungsfeier zu präsentieren, die den Startschuss zu regelmässigen Konzerten auf diesem Instrument geben soll.

www.lardipiano.com

Jahres-Ende mit „Welt-Ende“

Als kleines Weihnachtsgeschenk stellt Ihnen die Joachim Raff Gesellschaft die bisher nur auf Schallplatte erschienene Erstaufnahme von Raffs einzigem Oratorium „Welt-Ende – Gericht – Neue Welt“ online zum Download bereit. Damit sollen sowohl das Dreissigjahrjubiläum dieser Weltpremiere-Aufnahme begangen, als auch den Raff-Interessierten ein kleines Dankeschön für die Unterstützung überreicht werden. Damit wird zudem ein intensives, aufregendes Raff-Jahr 2016 ad acta gelegt. 2017 kann kommen! Frohe Festtage!

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In der Geschichte der Wiederentdeckung Raffs ab den 1970er-Jahren spielt sein Oratorium „Welt-Ende“ eine gewichtige Rolle. Bei der hier bereit gestellten Aufnahme handelt es sich um die bisher einzige, die vor genau dreissig Jahren – 1986 – in der Kirche Empfingen eingespielt wurde, jener süddeutschen Gemeinde in der Nähe von Rottweil, aus der Raffs Vater stammte (zumindest seit Empfingen und das kleinere Wiesenstetten zusammen eine Gemeinde bilden). Seit der Gründungsphase der Joachim Raff Gesellschaft im Jahre 1974 intensivierte Anton Marty den Kontakt sowohl mit Wiesenstetten-Empfingen sowie mit Schramberg, wo ein Nachkomme Raffs, Dr. Konstantin Hank, als Bürgermeister wirkte. Das Ergebnis waren Städtefreundschaften, die bis heute währen. Für die Aufnahmen konnten Kurt Widmer und Mechthild Georg als Solisten gewonnen werden, Gerhard Rehm leitete Mitglieder des SWR, die Balinger Kantorei, den Katholischen Kirchenchor Empfingen und den Kirchenchor Wiesenstetten. Frank Reinisch, einem ausgewiesenen Spezialisten im weiten Feld des Oratoriums, Mark Römer, damals im Vorstand der Joachim Raff Gesellschaft und Verfasser einer heute noch lesenswerten Biographie Raffs, und Res Marty zeigen sich verantwortlich für die Texte des umfangreichen Booklets der 3LP-Box. Finanziert wurde dieses Mammutprojekt von der Empfinger Julius-Bauser-Stiftung und den Zweckverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke.

Lachner hatten 2012 die Gelegenheit, den mittleren Teil des Oratoriums, „Gericht“, im Konzert zu hören: Urs Bamert führte ihn in der Lachner katholischen Kirche mit dem Sinfonieorchester Ausserschwyz auf. Später in diesem Jahr wurde bei der Aufarbeitung von unkatalogisierten Beständen in der Hochschule Franz Liszt in Weimar eine Lithografie einer handschriftlichen Partitur des Werkes entdeckt, vermutlich von Raffs bisher verschollenem Autograph.

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Die Digitalisierung der Aufnahme ist dem Dirigenten Adriano zu verdanken, der sich bereits in den 1970er-Jahren goldene Sporen in der Wiederentdeckung von Raffs Musik verdient hat: Auf seinem Label veröffentlichte er die erste Aufnahme von Raffs vielgelobtem Klavierquintett (op. 107). Seit Jahren beschäftigt er sich intensiv mit dem ebenfalls viel zu wenig beachteten Komponisten Fritz Brun und anderen schweizerischen Komponisten.

http://www.adrianomusic.com

Im christlichen Kalender beginnt das Kirchenjahr mit der Adventszeit, die theologisch die Ankunft Christi in der Welt versinnbildlicht und in der Feier seiner Geburt am Heiligen Abend gipfelt. Die Adventszeit setzt aber wiederum das Ende des liturgischen Jahres im November voraus, das dem Tod, vielmehr aber dem Leben nach dem Tod gewidmet ist; gleichwohl gilt, dass am Ende der Zeit ohne „Welt-Ende“ und „Gericht“ auch keine „Neue Welt“ erstehen kann.

Raffs Oratorium steht am Ende seines Lebens. Schon in frühen Rezensionen wurde es als sein „Schwanengesang“, als sein Abschied von dieser Welt gedeutet – auch die eschatologische Thematik des Oratoriums passt nur zu gut in diese Interpretationslinie. Raffs Idee, ein Werk zu schreiben, das auf der Offenbarung des Johannes basiert, geht aber weit in die 1870er-Jahre zurück, als der mitten im Leben und auf dem Gipfel seines Ruhmes stehende Komponist plante, ein instrumentales Werk über die vier apokalyptischen Reiter zu schreiben. Dies erklärt auch die starke Gewichtung des Orchesters in diesem Werk. Später entschied er sich, die instrumentalen Sätze in ein Oratorium einzubauen und verfasste dazu ein Libretto, das er aus dem Text der Bibel generierte und mit selbst gedichteten Chorsätzen anreicherte. Johannes führt als Erzähler durch Raffs einziges Werk dieser Gattung, eine mit Bachs Namen verbundene Praxis, die kritische Stimmen schon bei Mendelssohns „Paulus“ bemängelten. Um dem Werk, das – wie sein Titel ankündigt – aus drei Abtheilungen besteht, auch eine lyrische Seite zu verpassen, integriert Raff eine himmlische Alt-Solistin, die als „Eine Stimme“ bezeichnet wird und mit der Arie „Schlage an mit deiner Sichel“ eines der Highlights des Oratoriums erhält. Wie auch Liszts Oratorium „Die Legende der Heiligen Elisabeth“ (der Raff wiederum in seiner Orchestersuite „Aus Thüringen“ ein Denkmal setzt) zeigt „Welt-Ende“ in der Verwendung von Leitmotiven (zum Beispiel für den Tod, für Gott oder die Hölle) Bezüge zum zeitgenössischen Musikdrama.

Der erste Teil des Oratoriums, das „Welt-Ende“, ist wiederum in vier Teile gegliedert: „Vision des Johannes“, „Die apokalyptischen Reiter“, „Frage und Dank der Märtyrer“, „Letzte Zeichen in der Natur und Verzweiflung der Menschen“. Die apokalyptischen Reiter werden durch instrumentale Intermezzi versinnbildlicht, in denen wie im gespenstischen Finale seiner Fünften Symphonie „Lenore“ ostinate Galopp-Rhythmen die Reiter symbolisieren. Lina Ramann, Schülerin und Biographin Liszts, unterstellt dem Satz, der den Hunger darstellen soll, unfreiwillige Komik, als sie in ihrem Tagebuch (siehe Ramann: Lisztiana, 1983, S. 246) dazu Folgendes notiert: „Sein Hungermotiv 6/8-Takt à la sicilienne soll sehr erheiternd wirken.“ Zwischen die Sätze sind jeweils ein Todesmotiv, das aus einem feierlichen Choral besteht, und ein erklärendes Rezitativ von Johannes eingeschaltet.

Hier ist nicht der Ort, um die musikalische Gestaltung des Oratoriums in extenso zu beschreiben. Wer sich darüber ausführlicher informieren will, findet auf der unten verlinkten Downloadseite einen Scan des umfassenden Booklets mit dem Text von Frank Reinisch. Zudem veröffentlichte Carmen Ottner in dem von ihr herausgegebenen Tagungsbericht unter dem Titel „Apokalypse“ (1999), der sich Franz Schmidts ebenfalls auf der Apokalypse basierendem Oratorium „Das siebte Siegel“ (1937/1938) annimmt, G.-J. Winklers Aufsatz mit dem Titel „Himmlisches Jerusalem wilhelminisch: Joachim Raffs Oratorium ‚Welt-Ende – Gericht – Neue Welt’“. Ebenfalls wertvoll ist ein früher anonymer Zeitungsbericht über das Oratorium mit einer Werkanalyse in der englischen Times, der 1883 im Vorfeld der englischen Erstaufführung in Leeds publiziert wurde. Mark Thomas hat ihn auf seiner überaus informativen Website raff.org veröffentlicht.

http://www.raff.org/support/download/w_ende.pdf

Zum Download der Aufnahme:

http://labhart.net/raff-archiv/weltende/

Scan des Erstdruckes in der Petrucci Library (gratis):

http://imslp.org/wiki/Welt-Ende,_Gericht,_Neue_Welt,_Op.212_(Raff,_Joachim)

 

 

„Cavatinen“-Schmelz und eine klassische Sonate

Nicht mehr ganz neu, aber unverzichtbar für jede gut sortierte Raff-Sammlung: Das Label Toccata veröffentlichte diesen Herbst eine neue CD, auf der sämtliche Werke Raffs für Cello und Klavier vereinigt sind – die meisten davon zum ersten Mal überhaupt auf Tonträger.

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In seiner produktiven Phase von 1872-1873 verfasste Raff zwei Werke für Cello und Klavier, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wie oft in seinem Oeuvre zeigt er in seinen zwei Romanzen op. 182 und seiner Cello-Sonate op. 183, wie gut er es versteht, gegensätzlichste Tonfälle zu treffen: den Salon-Schmelz genauso wie die in eine klassische Form gegossene romantische Lyrik seiner einzigen Cellosonate. Kombiniert werden sie mit den früheren Fantasiestücken (op. 59) und dem Duo für Cello und Klavier (op. 86), die noch in Raffs Stuttgarter bzw. Weimarer Zeit fallen.

Die umfangreichen Liner Notes der CD stammen von Mark Thomas, der sich für die überaus informative Website raff.org verantwortlich zeigt und dankenswerterweise an einem neuen Werkverzeichnis Raffs arbeitet. Die Cello-Sonate beschreibt er mit folgenden Worten:

„In such company [Raffs grosse Erfolge der Jahre 1872-73], the inability of the Cello Sonata to make a lasting impression is surprising, given the quality of the piece, the dearth at the time of good modern cello sonatas (the first sonatas of Brahms and Gernsheim are an exception) and the popularity of Raff ’s other major chamber works. The reason might lie in its also being one of the first of his compositions which demonstrate a shift in style. It is no sterile academic piece, but neither does it have the same fiery passion and lush sentimentality of the First Violin Sonata of two decades earlier. It is an evolutionary composition in which Raff attempted to fuse florid high Romanticism with a more restrained and Classical aesthetic, but it remains a powerful, generously melodic and satisfying work, worthy of revival. As with most of Raff ’s chamber music, the pianist is a full partner and no mere accompanist.“

Wer also noch ein Weihnachtsgeschenk benötigt: Unter dem folgenden Link kann man sich durch Hörproben davon überzeugen lassen und dann getrost zugreifen – angeboten werden sowohl CD als auch verschiedene digitale Formate. Auf Spotify ist dieser schöne Beitrag zur Raff-Tonträger-Familie ebenfalls zu finden.

Joachim Raff: Complete Music for Cello and Piano