„Cavatinen“-Schmelz und eine klassische Sonate

Nicht mehr ganz neu, aber unverzichtbar für jede gut sortierte Raff-Sammlung: Das Label Toccata veröffentlichte diesen Herbst eine neue CD, auf der sämtliche Werke Raffs für Cello und Klavier vereinigt sind – die meisten davon zum ersten Mal überhaupt auf Tonträger.

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In seiner produktiven Phase von 1872-1873 verfasste Raff zwei Werke für Cello und Klavier, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wie oft in seinem Oeuvre zeigt er in seinen zwei Romanzen op. 182 und seiner Cello-Sonate op. 183, wie gut er es versteht, gegensätzlichste Tonfälle zu treffen: den Salon-Schmelz genauso wie die in eine klassische Form gegossene romantische Lyrik seiner einzigen Cellosonate. Kombiniert werden sie mit den früheren Fantasiestücken (op. 59) und dem Duo für Cello und Klavier (op. 86), die noch in Raffs Stuttgarter bzw. Weimarer Zeit fallen.

Die umfangreichen Liner Notes der CD stammen von Mark Thomas, der sich für die überaus informative Website raff.org verantwortlich zeigt und dankenswerterweise an einem neuen Werkverzeichnis Raffs arbeitet. Die Cello-Sonate beschreibt er mit folgenden Worten:

„In such company [Raffs grosse Erfolge der Jahre 1872-73], the inability of the Cello Sonata to make a lasting impression is surprising, given the quality of the piece, the dearth at the time of good modern cello sonatas (the first sonatas of Brahms and Gernsheim are an exception) and the popularity of Raff ’s other major chamber works. The reason might lie in its also being one of the first of his compositions which demonstrate a shift in style. It is no sterile academic piece, but neither does it have the same fiery passion and lush sentimentality of the First Violin Sonata of two decades earlier. It is an evolutionary composition in which Raff attempted to fuse florid high Romanticism with a more restrained and Classical aesthetic, but it remains a powerful, generously melodic and satisfying work, worthy of revival. As with most of Raff ’s chamber music, the pianist is a full partner and no mere accompanist.“

Wer also noch ein Weihnachtsgeschenk benötigt: Unter dem folgenden Link kann man sich durch Hörproben davon überzeugen lassen und dann getrost zugreifen – angeboten werden sowohl CD als auch verschiedene digitale Formate. Auf Spotify ist dieser schöne Beitrag zur Raff-Tonträger-Familie ebenfalls zu finden.

Joachim Raff: Complete Music for Cello and Piano

 

Liebhaber des Schönen

Wie Raffs Biografie eindrücklich zeigt, waren die ersten Jahre für einen angehenden Komponisten mit vielen Entbehrungen verbunden. Weil die Aufführung und der Druck der eigenen Werke nur wenig Geld einbrachten, mussten Teilzeit-Jobs angenommen werden, die ein Leben am Existenzminimum ermöglichten. Raff hielt sich mit zahlreichen Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Eine Sparte, in der er sich als gut gebildeter junger Herr schon früh betätigte, war das Schreiben von Korrespondenzen und Rezensionen für Zeitschriften. Ein wenig diplomatischer Artikel in der „Wiener Allgemeinen Zeitung“ in seiner Kölner Zeit führte zum Beispiel dazu, dass ihm von seinen Arbeitgebern, Eck & Lefebvre, nahe gelegt wurde, den Dienst zu quittieren – was er wegen anhaltenden Spannungen mit seinen Vorgesetzten nur zu gerne annahm. Insgesamt sind uns zum jetzigen Zeitpunkt mehr als zehn Zeitschriften bekannt, für die Raff, zum Teil über Jahre hinweg, geschrieben hat. Die Suche nach den Artikeln gestaltet sich allerdings nicht immer leicht, da viele von ihnen unter einem Kürzel oder gar nicht signiert publiziert wurden (eine Ausnahme ist Franz Brendels „Neue Zeitschrift für Musik“, in der Raff mit seinem bürgerlichen Namen unterzeichnete). Nicht zuletzt dank seinen Briefwechseln sind wir jedoch über einige Kürzel und Pseudonyme unterrichtet. Hans von Bülow schreibt ihm beispielsweise in den 1850er-Jahren, dass ihm sein altes Kürzel „mf“ (für mezzoforte?) besser gefalle als sein neues „R.“. Dank der Biografie von Helene Raff wissen wir auch, dass ihr Vater für Richard Dehms Zeitschrift „Caecilia“, die Schott veröffentlichte, Texte verfasste. Bisher war jedoch unbekannt, welches Kürzel oder Pseudonym er in dieser Zeitschrift verwendete. Der von uns zum ersten Mal systematisch erschlossene Briefwechsel mit Schott löste diese Unklarheit nun auf: In seinem Brief an den Verleger vom 29.12.1846 erwähnt Raff die beiliegende Kritik eines „Lachner-Quartetts“ aus seiner Feder. Diese konnten wir im Band des Jahrgangs 1847 identifizieren: Es handelt sich um das Klavierquartett op. 10 von Vincenz Lachner, das in Karlsruhe ein Preisausschreiben gewonnen hatte. In dieser zehn Seiten langen Rezension geht Raff zunächst allgemein auf das Phänomen des Preisausschreibens ein (nur nebenbei erwähnt eine Institution, der Raff später Vieles zu verdanken hat: Seine erste Symphonie „An das Vaterland“ gewann 1861 ein Wiener Preisausschreiben), ehe er das Werk ziemlich ausführlich unter Abdruck einiger Passagen rezensiert. Unterzeichnet ist sein Text mit:

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Es ist wenig überraschend, dass sich der altphilologisch gebildete Raff ein griechisches Pseudonym auswählt, das zudem auf die idealistische Ästhetik verweist, in deren Tradition er sich zum Beispiel in seiner „Wagnerfrage“ stellt (es bedeutet „Liebhaber des Schönen“). Das so ermittelte Pseudonym half dabei, weitere Texte Raffs ausfindig zu machen, die zu späterem Zeitpunkt in derselben Zeitschrift erschienen sind: einen Artikel über einen „Stapel“ an Klavierwerken, die ihm Schott zugeschickt habe, und eine Rezension der ersten Klaviersonate von Maurice Levy (über beide soll zu gegebenem Zeitpunkt berichtet werden). Leider ging die „Caecilia“ bereits 1848 ein und konnte Raff nicht länger ein Forum für seine schriftstellerischen Fähigkeiten bieten. Doch für diese ergaben sich anderswo später Gelegenheiten genug.

Zur Herbstzeit

In diesen ersten noch sommerlich-heissen Herbsttagen nimmt die Joachim Raff Gesellschaft eine Generalüberholung ihrer Website in Angriff, die mit neuem Leben gefüllt werden soll. Neben den bereits etablierten Themenbereichen wollen wir häufiger – mal ernsthaft, mal wie aus dem Nähkästchen – über Raffs Leben und Wirken berichten.

Im Laufe der nächsten Monate stehen mehrere Projekte der Joachim Raff Gesellschaft an, die darauf abzielen, Raffs Texte, Briefe und Werke besser zugänglich zu machen und seinen Geburtsort Lachen mit der Erinnerung an seinen berühmtesten Sohn zu durchdringen. Den Fortschritten und Ergebnissen dieser aufregenden und gewinnbringenden Arbeit ist die Kategorie „Raffiniertes Lachen“ gewidmet.

In der neuen Kategorie der „Trouvaillen“ wollen wir über kleinere und grösses Entdeckungen bei der Arbeit mit „Raffiana“ berichten. Die von uns bearbeiteten Briefe von und an Raff, die neu aufgefundenen Aufsätze des Komponisten, Artikel und Rezensionen über ihn und seine Werke ermöglichen uns, ein immer deutlicheres Profil des Lachners zu zeichnen.

Franz Liszt prägte in seinem höchst aufschlussreichen, aber auch ebenso unterhaltsamen Briefwechsel mit Raff den Begriff des „Herumraffens“, da der sich verletzt fühlende Raff gerne durch Ausfälligkeiten und die unverhüllte, oft verletzende Aussprache seiner „Wahrheit“ reagierte. In der Kategorie „Herumraffereien“ sollen gelegentlich solche Anfälle des Komponisten, die man im Neudeutschen wohl als „rant“ bezeichnen würde, dokumentiert werden.